„Oft wird gesagt, dass nachhaltige Entwicklung auf drei Säulen beruht: Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft. Die Ziele der Agenda 2030 orientieren sich weitgehend an diesem Modell. Meiner Ansicht nach stützt sich der Donut-Ansatz hingegen auf zwei Säulen: die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse und die planetaren Grenzen. Dadurch definiert er die Rolle der Wirtschaft neu. Im Donut-Modell ist Wirtschaftswachstum – und auch das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – kein Selbstzweck mehr, sondern die Wirtschaft wird zu einem Instrument für den Einsatz und für die Umverteilung von Ressourcen. In diesem Sinne könnte der Donut-Ansatz ein inspirierendes Modell für eine Version 2.0 der Agenda 2030 sein.“
Interview mit Rianne Roshier, Leiterin der zivilgesellschaftlichen Plattform Agenda 2030
Rianne Roshier, Leiterin der Plattform Agenda 2030
Nachdem sie jahrelang an der Entwicklung nachhaltiger Tourismusangebote für die Schweizer Pärke gearbeitet hat, beschäftigt sich Rianne heute mit Fragen der Nachhaltigkeitspolitik auf nationaler und internationaler Ebene. In ihrer Funktion als Leiterin der Plattform Agenda 2030 koordiniert sie ein Netzwerk von rund 50 Schweizer NGOs, die sich für die Umsetzung der 17 Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (auf englisch SDGs – Sustainable Development Goals) einsetzen.
Rianne, woher kommt dein Engagement für die SDGs?
Meine
Eltern haben mir ihre Werte der sozialen Gerechtigkeit und des Respekts vor der
Natur auf meinen Weg mitgegeben. Während meines Studiums und später im Rahmen
meines Engagements beim feministischen Streik 2019 wurde mir bewusst, wie eng
beides miteinander verbunden ist: Es braucht einen gesunden Planeten, um die
menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen, und die Achtung der Menschenrechte setzt
voraus, dass wir unseren Planeten schützen. Menschliche Bedürfnisse und
Menschenrechte sind untrennbar mit unserer Erde verbunden – deshalb müssen wir
für sie Sorge tragen.
Die Schweiz ist
Unterzeichnerin der Agenda 2030 und hat kürzlich ihren neuesten nationalen
Bericht zur Umsetzung der SDGs bei den Vereinten Nationen eingereicht. Wie
beurteilt die Plattform 2030 diesen Bericht?
Die Analyse ist sehr
klar: Zwar gibt es Fortschritte in den Bereichen erneuerbare Energien,
Kreislaufwirtschaft und Gleichstellung der Geschlechter, doch diese reichen
nicht aus, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Andere zentrale Bereiche
bleiben deutlich zurück – etwa die Bekämpfung von Armut und Klimawandel, der
Schutz der Biodiversität, die Bereiche Diskriminierung und Gewalt sowie
nachhaltiger Konsum.
Was uns noch mehr alarmiert, ist die Haltung des Bundesrates: Statt entschlossen Massnahmen zu ergreifen, um die Umsetzung der SDGs zu beschleunigen, begnügt er sich damit festzustellen, dass die Ziele nicht erreicht werden. Obwohl die Agenda 2030 eine Leitlinie für sämtliche Politikbereiche sein sollte, degradiert der Bundesrat sie zu einem blossen „Nice-to-have“ – das ist nicht akzeptabel!
Welche Bedürfnisse und Forderungen ergeben sich aus Sicht der Plattform aus dieser Einschätzung?
Mit der Ratifizierung der Agenda 2030 hat sich die Schweiz verpflichtet, die 17 SDGs umzusetzen. Diese Ziele sollten daher das gesamte staatliche Handeln leiten. Wir brauchen einen Bundesrat, der den Mut hat, seine Verpflichtungen einzuhalten. Statt im sozialen und ökologischen Bereich zu kürzen, müssen wir wirksame und tiefgreifende Massnahmen ergreifen – sowohl in der Schweiz als auch international. Die Schweiz könnte sich zudem deutlich stärker auf internationaler Ebene für die Agenda 2030 einsetzen.
Kannst du uns sagen, was die Plattform konkret unternimmt, um vom Bundesrat mehr Mut einzufordern?
Die Plattform setzt sich konstruktiv dafür ein, die Zivilgesellschaft gegenüber dem Staat zu vertreten. Als Co-Präsidentin der Begleitgruppe – in der Vertretende der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Finanzmärkte zusammenkommen – konnten wir beispielsweise erreichen, dass der nationale Bericht eine eigene Seite zur Zivilgesellschaft enthält. Das ist ein sehr positives Zeichen.
Parallel dazu handeln wir auf mehreren Ebenen: Wir haben ein Impulspapier mit einer ganzen Reihe von Massnahmen veröffentlicht, um die Umsetzung der SDGs zu beschleunigen, einen Kommentar zum nationalen Bericht beim High-Level Political Forum in New York eingebracht und eine Petition lanciert, die innerhalb von drei Wochen mehr als 13'000 Unterschriften gesammelt hat. Das zeigt, dass auch die Bevölkerung mehr Mut vom Bundesrat erwartet.
Schliesslich haben wir eine Workshop-Reihe zum Zielkonflikt zwischen Wirtschaftswachstum und den sozialen und ökologischen SDGs gestartet. Ausgehend von der Erkenntnis, dass dieser Zielkonflikt die Umsetzung der SDGs blockiert oder zumindest stark verlangsamt, wollen wir Lösungen finden, um ihn zu überwinden.
Das Swiss Donut Economics Network durfte an dieser Workshop-Reihe beitragen.
Welche Verbindung siehst du zwischen der Agenda 2030 und dem Donut?
Um den Zielkonflikt zwischen
Wirtschaftswachstum und den sozialen und ökologischen SDGs zu überwinden,
liefert der Donut-Ansatz einen vielversprechenden Ansatz. Er kann dazu
beitragen, ein Modell zu entwickeln, das nachhaltige Entwicklung wieder auf
soziale und ökologische Aspekte ausrichtet und die Wirtschaft an ihren Platz
als Instrument verweist, anstatt das Wachstum des BIP als Hauptziel zu setzen.
Oft wird gesagt, dass nachhaltige Entwicklung auf drei Säulen beruht:
Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft. Die Ziele der Agenda 2030 orientieren sich
weitgehend an diesem Modell. Meiner Ansicht nach stützt sich der Donut-Ansatz hingegen
auf zwei Säulen: die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse und die planetaren
Grenzen. Dadurch definiert er die Rolle der Wirtschaft neu. Im Donut-Modell ist
Wirtschaftswachstum – und auch das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) –
kein Selbstzweck mehr, sondern die Wirtschaft wird zu einem Instrument für den
Einsatz und für die Umverteilung von Ressourcen. In diesem Sinne könnte der
Donut-Ansatz ein inspirierendes Modell für eine Version 2.0 der Agenda 2030 sein.
Die
offiziellen Diskussionen über „Beyond 2030“ – also darüber, was auf die Agenda
2030 folgen soll – beginnen zwar erst beim SDG Summit im September 2027, doch
sowohl die Staaten als auch die Zivilgesellschaft denken bereits darüber nach.
Der Donut-Ansatz ist Teil dieser Überlegungen und bietet eine interessante
Alternative.
Wie stellst du dir die Zukunft vor? Was gibt dir persönlich Hoffnung?
Ich setze grosse Hoffnung in die Zivilgesellschaft und ihre Fähigkeit,
Menschen zu mobilisieren. Der aussergewöhnlich heisse Sommer, den wir gerade erlebt
haben, könnte das Bewusstsein vieler Menschen schärfen. In unseren Workshops
habe ich gesehen, wie stark der Wunsch nach einem echten gesellschaftlichen
Wandel ist – selbst bei Menschen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen arbeiten,
etwa für Städte und Kantone oder für Wirtschaftsverbände.
Für diesen Herbst sind neue Klimastreiks geplant, und am 14. Juni 2027 wird ein
grosser feministischer Streik mit dem Schwerpunkt Care-Arbeit stattfinden. Ich
hoffe, dass diese Anlässe die Bevölkerung im Hinblick auf die nationalen Wahlen
mobilisieren – denn dort können wir meiner Meinung nach den grössten Einfluss
ausüben!
Meine Vision für eine Schweiz, die die Forderungen der Plattform Agenda
2030 ernst nimmt? Ich stelle mir eine wesentlich gerechtere, inklusivere und
ökologischere Gesellschaft vor. Die Menschen würden weniger arbeiten, während
alle ihre Grundbedürfnisse gleichzeitig gesichert sind. Dadurch hätten sie mehr
Zeit, sich in gemeinschaftlichen, politischen oder naturbezogenen Projekten und
Aktivitäten zu engagieren. Im Moment mag das utopisch erscheinen, aber genau
deshalb setze ich mich dafür ein: für eine Gesellschaft, die sich am
Wohlbefinden aller orientiert.
Herzlichen Dank, Rianne, für das inspirierende Gespräch
und dein Engagement!
Fotos: Raffael Thielmann und Martin Bichsel
