Der Donut von Grenoble: Inspiration für Schweizer Städte und Gemeinden

4. Februar 2026 durch
Der Donut von Grenoble: Inspiration für Schweizer Städte und Gemeinden
Swiss Donut Economics Network, Karin Mader

Bei einer Konferenz im Januar ging es um die Frage, wie der Donut als Kompass für die Politik und öffentliche Verwaltung dienen kann. Der Anlass wurde organisiert vom Genfer Netzwerk der Sozial- und Solidarwirtschaft Après-GE, unterstützt vom Swiss Donut Economics Network. Unsere Mitgründerin Karin Mader hatte dabei Gelegenheit, mit Nathalie Le Meur zu sprechen. Nathalie ist verantwortlich für eines der Vorzeigeprojekte der Donut-Ökonomie – jenes der französischen Stadt Grenoble.

Nathalie Le Meur, Donut-Projektleiterin, Grenoble

Nach einem Studium an einer Business School und mehreren Jahren Engagement in einer Umweltorganisation entschied sich Nathalie für eine berufliche Neuorientierung mit dem Ziel, sich für die ökologische und soziale Transformation einzusetzen.
Beim Lesen einer Fachzeitschrift stiess sie auf die Donut-Theorie und ihre Neugier war geweckt! Sie vertiefte sich in das Buch von Kate Raworth und lernte Orte kennen, die Doughnut Economics bereits auf lokaler Ebene erproben. Inspiriert davon entwickelte sie ein Begleitprojekt für französische Städte, Gemeinden und Regionen basierend auf dem Donut. In Grenoble kann sie ihre Vision heute als Projektleiterin konkret umsetzen.

Herzlichen Glückwunsch, Nathalie! Warum hat sich die Stadt Grenoble entschieden, mit dem Donut zu arbeiten?

Im Jahr 2022 wurde Grenoble für seine Leistungen im Bereich der Transformation zu einer «Capitale Verte Européenne» ernannt. Diese Auszeichnung hat das städtische Team motiviert, noch ambitionierter zu werden und den politischen Prozess „Grenoble 2040“ zu starten. Ziel dieser Initiative ist es, Kindern, die im Jahr 2022 geboren wurden, die Möglichkeit zu geben, ihre Volljährigkeit im Jahr 2040 in einer gerechten und sicheren Stadt – und Welt – zu feiern.

Der Ansatz von „Grenoble 2040“ verbindet ökologische und soziale Fragestellungen eng miteinander. Er stützt sich auf eine solide wissenschaftliche Grundlage, legt aber gleichzeitig Wert auf das Emotionale, das Sinnliche und auf gemeinsame Zukunftsbilder. Zugleich erlaubt er es, lokale Entwicklungswünsche ernst zu nehmen und dabei die globale Verantwortung nicht aus dem Blick zu verlieren.
Vor diesem Hintergrund entschieden sich die gewählten Vertreter:innen bewusst für die Donut-Theorie. Sie vereint all diese Ansprüche und bietet eine neue gesellschaftliche Vision – distributiv und regenerativ – die gut zum politischen Projekt der Stadt passt.

Kannst du uns die wichtigsten Etappen des Projekts schildern? Was stand am Anfang, und wie ging es weiter?

Zum Projektstart im September 2022 lautete der politische Auftrag, eine territoriale Bestandsaufnahme in Form eines „Donut-Datenporträts" von Grenoble zu erstellen. Ziel war es, sichtbar zu machen, wo die Stadt im Hinblick auf zentrale ökologische und soziale Herausforderungen steht – gemessen an den politischen Zielsetzungen.
Diese erste Analyse diente als Grundlage, um die notwendigen Entwicklungspfade zu identifizieren und zu verstehen, wie Grenoble sich Schritt für Schritt in den „sicheren und gerechten Raum“ des Donuts bewegen kann.

Als das territoriale Bild vorlag, erschien es uns sinnvoll, die bestehenden öffentlichen Politiken genauer zu betrachten. So wollten wir sicherstellen, dass die Stadt innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs tatsächlich alle relevanten Themen behandelt. Die Analyse und Kartierung bestehender Strategien und Programme ermöglichte es mit der Zeit, bereits bei der Erarbeitung neuer strategischer Dokumente eine Donut-Perspektive einzunehmen.

Um das kommunale Handeln systematisch zu steuern und politische sowie Budget-Entscheidungen besser abzustützen, entwickelten wir basierend auf dem Donut anschliessend ein Umwelt- und Sozialbewertungsraster. Dieses Entscheidungsinstrument basiert auf dem Prinzip der doppelten Wesentlichkeit (sozial-ökologisch sowie lokal-global) und erlaubt eine einfache, sehr praxisnahe Analyse der Auswirkungen eines Projekts – sowohl auf das Territorium und seine Bevölkerung als auch auf die Ressourcen der Stadt (personell, materiell, finanziell).
Dank seines querschnittsorientierten und flexiblen Aufbaus kann das Instrument für Projekte jeder Grössenordnung eingesetzt werden – im Investitions- wie im Betriebsbereich und zu unterschiedlichen Zeitpunkten (ex ante, während der Umsetzung oder ex post). Da es auf klassischen territorialen Wirkungskriterien aufbaut, ist es leicht übertragbar und auch für andere Regionen nutzbar. Die einfache Handhabung fördert zudem die Eigenständigkeit der Mitarbeitenden und stärkt ihre Kompetenzen im Umgang mit ökologischen und sozialen Fragestellungen.




Im Sinne einer kontinuierlichen Weiterentwicklung aktualisieren wir das Donut-Datenporträt von Grenoble punktuell, bringen den Donut in aktuelle politische Strategien ein und rollen das Analyseinstrument schrittweise breiter aus – stets mit dem Ziel, es noch besser an die konkreten Herausforderungen unseres Territoriums anzupassen.

Parallel dazu richten wir uns seit Projektbeginn regelmässig an die Bevölkerung. Dies geschieht über unterschiedliche Formate – von Infografiken über interaktive Workshops bis hin zu öffentlichen Veranstaltungen. Damit informieren, sensibilisieren und fördern wir den Austausch rund um die Donut-Theorie.

Welche konkreten Ergebnisse gibt es bisher? Ist ein Donut-Datenporträt am Anfang unverzichtbar?

Da uns Transparenz und Wissenstransfer besonders wichtig sind, veröffentlichen wir regelmässig alle Ergebnisse unserer Arbeit. Dazu gehören unter anderem die Donut-Porträts von Grenoble, ein Bericht über unsere zwei Jahre Donut-Experiment, eine Videopräsentation des Umwelt- und Sozialanalyseinstruments sowie verschiedene Infografiken und thematische Poster.

Grenoble hat seine Reise mit dem Donut tatsächlich mit einem territorialen Datenporträt begonnen, ist danach in die strategische Ebene der öffentlichen Politiken eingetaucht und analysiert seither auch einzelne Projekte systematisch auf ihre Wirkungen.




Ein Donut-Datenporträt scheint mir ein hilfreicher Einstieg, um sich mit den territorialen Herausforderungen aus einer Donut-Perspektive vertraut zu machen. Es ist jedoch kein zwingender erster Schritt! Die von Grenoble gewählten Etappen sind auch nicht als starre Abfolge zu verstehen. Andere Orte, wie etwa Valence Romans Agglomération, sind beispielsweise mit einem Wirkungsanalyseinstrument für Projekte gestartet; andere haben zuerst gemeinsam mit der Bevölkerung ein inklusives lokales soziales Fundament definiert.

Wie sieht die Zukunft des Donuts in Grenoble aus? Was sind die nächsten Schritte?

Die weitere Entwicklung des Donuts in Grenoble hängt teilweise von den Kommunalwahlen ab, die Ende März 2026 in Frankreich stattfinden – besonders von der politischen Ausrichtung der neu gewählten Vertreter:innen.

Sollten die Rahmenbedingungen für den Donut weiterhin günstig sein, sind verschiedene Szenarien denkbar. Einerseits könnten die bestehenden Projekte weitergeführt und vertieft werden, indem die entwickelten Instrumente verbessert, systematisiert und langfristig verankert werden. Andererseits könnten neue Vorhaben hinzukommen, etwa ein gemeinsam mit der Bevölkerung erarbeitetes Donut-Porträt, eine stärkere Zusammenarbeit mit weiteren lokalen Akteur:innen, eine bessere Verankerung des Donuts im Budgetzyklus oder die ökologische Neuausrichtung einzelner Projekte.

Wenn Ihr das Donut-Projekt in Grenoble noch einmal neu starten würdet: Was würdest du heute anders machen?

Mit mehr Zeit hätte ich das soziale Fundament des ersten Donut-Porträts gerne demokratisch ko-kreiert. Das bedeutet: Die Menschen, die Grenoble täglich erleben, aktiv einzubeziehen, um gemeinsam festzulegen, welche sozialen Mindeststandards lokal für alle gelten und erreichbar sein sollten.

Ausserdem hätte ich die globale soziale Perspektive des Donuts vertieft – also die Auswirkungen unseres lokalen Lebensstils auf andere Regionen der Welt. Dazu zählen Themen wie Konsum- und Materialfussabdruck, Lieferketten, Stoffströme, Scope-3-Emissionen oder auch unsere kulturellen, diplomatischen und gesellschaftlichen Verbindungen mit dem Rest der Welt.




Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg des Donuts auf lokaler Ebene?

In Grenoble hatte ich das grosse Glück, auf eine starke politische und administrative Unterstützung zählen zu können. Diese Rückendeckung hat die lokalen Experimente rund um den Donut entscheidend erleichtert!
Auch der schrittweise Aufbau – von der territorialen Diagnose über strategische Kartierungen bis hin zu konkreten Steuerungsinstrumenten und breiter Information – hat die Akzeptanz und Verankerung des Donuts auf lokaler Ebene gefördert.

Anderen Territorien würde ich raten, dort zu beginnen, wo bereits Offenheit und günstige Bedingungen für Experimente bestehen. Fehler gehören dazu, ebenso wie Kurskorrekturen. Wichtig ist, den Mut zu haben, den Donut als Kompass für ein zukunftsfähiges öffentliches Handeln zu nutzen – im Einklang mit den realen ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit.

Was bedeutet der Donut für dich persönlich und für deine Zukunft?

In einer Welt, die zunehmend von ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen und geopolitischen Krisen geprägt ist, brauchen wir positive Orientierungshilfen! Wir brauchen Bilder und Modelle, die uns helfen, uns eine lebenswerte, tragfähige und gerechte Zukunft vorzustellen.

Die Donut-Theorie bietet genau das: ein inklusives, regeneratives und distributives Gesellschaftsmodell, das sich auf allen Ebenen anwenden lässt und enorme Handlungsspielräume eröffnet. Seit ich dieses Konzept kenne, gibt mir meine Arbeit täglich Sinn. Ich weiss, warum ich morgens aufstehe: um – in meinem bescheidenen Rahmen – dazu beizutragen, unsere Gesellschaften dem gerechten und sicheren Raum des Donuts näher zu bringen. 

Herzlichen Dank, Nathalie, für das inspirierende Gespräch und dein Engagement!

 
Interview und Fotos :

Karin Mader, Swiss Donut Economics Network

Ressourcen :
La Théorie du Donut – Une nouvelle boussole pour penser l’avenir à Grenoble ? Novembre 2024 

Bericht auf Englisch