Infomaniak hat sich unverkäuflich gemacht! Die Stimmrechtsmehrheit beim Schweizer Cloud-Anbieter liegt seit Frühjahr 2026 bei einer Stiftung, dauerhaft und für niemanden mehr abtretbar - auch nicht für das eigene Management. Der Doughnut-for-Business-Wegweiser zeigt, dass sich genau auf dieser tiefen Bauschicht entscheidet, ob ein Unternehmen regenerativ und distributiv wirken kann: bei Eigentum und Governance - dort, wo Macht und Kontrolle liegen. Infomaniak hat genau an diesen Stellen umgebaut. Der Beitrag zeigt, wie das funktioniert.
Stell dir vor, Microsoft klopft bei Infomaniak an und will den Schweizer Cloud-Anbieter übernehmen. Die Antwort steht fest, und sie lautet: Nein! Verkaufen kann das Unternehmen niemand mehr, auch sein eigenes Management nicht.
Möglich macht das ein Schritt vom 13. Mai 2026: Gründer Boris Siegenthaler hat die Mehrheit der Stimmrechte an die Infomaniak Foundation übertragen, in Form von Spezialaktien, die niemals abgetreten werden können. Aus einer dreissigjährigen Überzeugung ist ein Bauwerk geworden, das den Gründer überdauert. Infomaniak hat die tiefe Bauschicht des Unternehmens umgebaut, jene Ebene, auf der sich entscheidet, ob ein Geschäftsmodell regenerativ und distributiv angelegt ist.
Screenshot aus der
Medienmitteilung von Infomaniak vom 13. Mai 2026
Die meisten Schlagzeilen lasen darin eine Geschichte über digitale
Souveränität, über Daten, die im Land bleiben. Das stimmt, erzählt aber nur die
halbe Geschichte. Im Kern geht es um drei Fragen, die über jedes Unternehmen
entscheiden:
1. Wem gehört es?
2. Wer bestimmt seinen Kurs?
3. Und wofür existiert es überhaupt?
Infomaniak hat auf alle drei eine bindende Antwort gefunden. Aus der Sicht der Donut-Ökonomie sind sie zentral und machen greifbar, wie sich Wirtschaften so anlegen lässt, dass es Menschen und Planeten dient, statt sie auf dem Weg zur Rendite zu verbrauchen.
Das Doughnut for Business-Konzept, das im Rahmen des Doughnut Economics Action Lab entwickelt wurde, macht dies sichtbar. Ob ein Unternehmen hilft, alle Menschen über die soziale Grundlage zu heben, ohne die ökologische Belastungsgrenze zu sprengen, entscheidet sich in fünf Gestaltungsschichten, die ein Unternehmen im Innersten prägen:

Ausschnitt aus dem Doughnut for Business-Teaser-Workshop von greenstarter
Die fünf “Wegweiser” gehen auf die US-Ökonomin Marjorie Kelly zurück, die das Doughnut Economics Action Lab, DEAL, als Deep Design weiterentwickelt hat. Sie führen den Blick von den Symptomen zu den Ursachen. Ein Unternehmen kann kurzfristig glänzende Klimazahlen vorweisen und bleibt trotzdem jederzeit verkäuflich und ist in den allermeisten Fällen auf reine Gewinnmaximierung ausgerichtet.
Eigentum: der Hebel, an dem alles hängt
Eigentum ist die Schicht, die am meisten bewegt und am seltensten berührt wird. Wer die Stimmrechtsmehrheit hält, kann alles drehen, und auch alles, das im Sinne der Donut-Ökonomie in die richtige Richtung geht, wieder rückgängig machen.
Jahr für Jahr hatte Siegenthaler Aktien an Mitarbeitende übertragen, 36 von ihnen hielten zuletzt ein Viertel des Kapitals. Eine schöne Idee: Das Unternehmen sollte schrittweise jenen gehören, die es tragen. Nur hatte sie eine Schwachstelle. Wären mehrere Mitarbeitende gleichzeitig ausgeschieden, hätte Infomaniak ihre Aktien zurückkaufen müssen, zu Kosten, die das Unternehmen hätten überfordern können. Und die Nachfolge blieb offen: Fiele der Gründer aus, gingen die Stimmrechte an die Erben ohne operative Nähe, die zahlungskräftige Investoren binnen Tagen umworben hätten.
Aus dem Banking betrachtet, springen solche Sollbruchstellen sofort ins
Auge. Eine gut gemeinte Eigentümerstruktur kann finanziell und menschlich
kippen. Die Stiftung mit nicht übertragbaren Spezialaktien löst beides mit
einem Schritt: Sie nimmt das Rückkaufrisiko aus dem System und macht die
Kontrolle unabhängig von einzelnen Personen. Steward
Ownership, auf Deutsch Verantwortungseigentum, bedeutet im Kern, dass das
Unternehmen sich selbst gehört und der Gewinn der Dauerhaftigkeit dient.
Romantik steckt darin wenig, dafür viel Risikomanagement in Form der Beendigung
einer einzigen, teuren Fehlfunktion: der jederzeitigen Verkäuflichkeit.
Zweck: festgeschrieben statt nur formuliert
Infomaniak hat seine Mission in eine notariell beurkundete Beteiligungscharta gegossen: neun Grundsätze - von Unabhängigkeit über Privatsphäre bis zur lokalen Verankerung. Der Stiftungsrat kann sie verstärken, aber niemals abschwächen. «Unsere Unabhängigkeit ist kein Versprechen. Sie ist eine Struktur», bringt es der Gründer auf den Punkt.
Durch die Donut-Brille fällt auf, dass dieser Zweck die ökologische und
soziale Wirkung mitträgt, statt sie als Zusatz zu behandeln. Schon zwischen
1994 und 1998 brachte Infomaniak über 40'000 Genferinnen und Genfer ins Netz -
zu Jahrespreisen, für die andere Anbieter damals nur gerade einen Monat Zugang
boten. Wie konkret diese Haltung heute ist, zeigt sich am Beispiel des jüngsten
Rechenzentrums, das hundert Prozent des verbrauchten Stroms als Wärme
zurückgewinnt und sie ins Quartier einspeist. Im Winter heizt es ca. 6'000
Haushalte, im Sommer reicht die Energie für ca. 20'000 tägliche Duschen. Server
laufen bis zu fünfzehn statt drei bis fünf Jahre, der Strom ist vollständig
erneuerbar, ein Drittel davon vom eigenen Dach.
Steuerung: eine stille Hüterin mit Vetorecht
Wer entscheidet jetzt was? Die Stiftung hat keine operative Entscheidungskraft. Sie führt das Unternehmen nicht, denn das bleibt beim Team. Die Stiftung greift nur dann ein, wenn die Identität des Unternehmens auf dem Spiel steht.
Diese Trennung hält zwei oft vermischte Dinge auseinander: das tägliche
Wirtschaften und das Bewahren des Zwecks. Parallel gibt es einen verstärkten
Verwaltungsrat mit unabhängigen Mitgliedern, dazu ein Audit und einen
Vergütungsausschuss. So entsteht ein abgestuftes System aus operativer Führung,
unabhängiger Aufsicht und, ganz oben, der Stiftung als letzter Sicherung gegen
den Ausverkauf der Substanz. Wie gut das Ganze hält, muss Infomaniak jährlich
in einem öffentlichen Wirkungsbericht
zeigen.
Kapital: dem Zweck untergeordnet
Bleibt das Geld. Üblicherweise gibt es den Takt vor; die Rendite steht an erster Stelle. Die Charta dreht die Reihenfolge nun um: Erst finanzieren die Gewinne Forschung, Entwicklung und Infrastruktur, dann die Aktionärinnen und Aktionäre, und bis zu fünf Prozent gehen an die Stiftung.
Und gerade, weil die Stimmrechtsmehrheit verriegelt ist, kann Infomaniak
künftig gefahrlos Kapital aufnehmen und sein Aktionariat öffnen. Was sich nicht
mehr wegkaufen lässt, wird auch durch frisches Geld nicht verwässert. So wird
«Wachsen, ohne sich zu verraten» vom Slogan zur belastbaren Konstruktion. Dazu
passt, dass Kundinnen und Kunden anscheinend jederzeit gehen können(*), mit
offenen Formaten und ohne Ausstiegskosten. Treue will man sich verdienen, nicht
erzwingen.
Beziehungen: der Wert bleibt im Gebiet
Die letzte Schicht fragt nach den Beziehungen. Die Charta ist auch hier eindeutig: das Lokale zuerst: Arbeitsplätze und Lieferant:innen im Inland, dann auf dem Kontinent, erst im Notfall weltweit. Der Wert soll dem Gebiet zugutekommen, das ihn ermöglicht. Dazu kommen Spenden an zivilgesellschaftliche Organisationen, die Förderung von Open Source und die offene Dokumentation der eigenen Rechenzentrumstechnik, bei der sich andere bedienen dürfen.
Distributiv im Sinne des Donuts heisst genau das: Wert dort verankern,
wo er entsteht, statt ihn abzusaugen und anderswo zu bündeln. Kein Unternehmen
steht für sich allein, jedes trägt Mitverantwortung für das Ökosystem, in dem
es gedeiht.
Was offen bleibt
Erstens bleibt Infomaniak gewinnorientiert und auf Wachstum ausgerichtet. Die Donut-Ökonomie verlangt nicht das Ende des Gewinns, wohl aber seine Unterordnung unter den Zweck, und genau das steht in der Charta. Aber der Motor bleibt Wachstum und das kostet im Digitalsektor Energie und Material. Hier braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl aller Beteiligten, damit Effizienzgewinne nicht einfach Spielraum für mehr Volumen schaffen. Sonst holt das Wachstum die ökologische Entlastung wieder ein.
Zweitens führt der Gründer den Stiftungsrat in den ersten drei Jahren selbst. Die Unabhängigkeit der Hüterin muss sich über die Zeit und den Generationenwechsel erst beweisen.
Drittens kompensiert Infomaniak einen Teil seiner Emissionen. Kompensation allein bleibt jedoch schwach, weil sie an der eigenen Quelle nichts ändert. Sie bezahlt vielmehr dafür, dass anderswo reduziert wird. Ob das wirklich und dauerhaft geschieht, lässt sich häufig nur schwer belegen (So ist etwa fraglich, ob die Reduktion vielleicht auch ohne das Geld stattgefunden hätte; oder ob der Wald, der den Kohlenstoff binden soll, in zwanzig Jahren überhaupt noch stehen wird). Das eigene Geschäftsmodell bleibt beim Kompensieren unberührt. Überzeugend ist aber die Reihenfolge in der Charta: zuerst an der Quelle vermeiden, dann reduzieren, und erst, was dann noch übrig bleibt, kompensieren.
Diese Einwände schmälern die Leistung nicht, aber sie müssen
angesprochen werden. Niemand ist perfekt und das ist auch nicht das Ziel.
Was dein KMU daraus mitnehmen kann
Vielleicht denkst du: schön für einen Anbieter mit 30 Jahren Vorlauf. Doch der Hebel dieser Geschichte ist die Eigentumsfrage, und die stellt sich in der Schweiz gerade tausendfach, in jeder anstehenden Nachfolge.
Du brauchst dafür keine eigene Stiftung und nicht Infomaniaks Biografie. Es genügt, dein Unternehmen anhand der fünf Wegweiser der Donut-Ökonomie zu durchleuchten und ehrlich zu fragen:
Wenn dein Unternehmen auch in 30 Jahren noch da sein und regenerativ-distributiven Wert stiften soll: Wie musst du es heute gestalten?
Zum Autor:
Marc-André Böhlen ist Gründer und Geschäftsführer der greenstarter GmbH
aus Bern, einer Purpose-for-Profit Beratungsunternehmung für echte
Nachhaltigkeitstransformation. Er kommt ursprünglich aus dem Banking und der
Welt der grossen Corporates und arbeitet heute an der Schnittstelle von
Finanzlogik und regenerativer, distributiver Wirtschaft. Er ist zudem
registriert beim Doughnut Economics Action Lab und
Mitglied beim Swiss Donut Economics Network.
Transparenzhinweis:
Das Swiss Donut Economics Network ist selbst überzeugter Kunde von Infomaniak.
Dieser Beitrag ist keine bezahlte Werbepartnerschaft und bringt auch sonst
keine Vergünstigungen mit sich. Der Autor hat ihn aus eigener Motivation
verfasst.
Titelbild: Screenshot Infomaniak Public Cloud
(*) Wir wollen hier keine Werbung machen und wissen auch nicht, wie sich dies im Einzelfall verhält.