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Indikatoren können bewegen – nicht nur messen

30. Oktober 2026 durch
Indikatoren können bewegen – nicht nur messen
Swiss Donut Economics Network, Karin Mader

Gemeinsam mit Kolleginnen der Doughnut Coalition Hamburg durfte ich ein Webinar co-organisieren zur Definition von wirkungsvollen Indikatoren für die Entwicklung von Datenporträts für Städte und Gemeinden. Die Thematik ist anspruchsvoll und theoretisch geprägt. Und vielleicht liegt der grösste Gewinn jenseits präziser, messbarer und vergleichbarer Daten...

Dieser Beitrag berichtet vom Webinar und stellt den Link zur Aufzeichnung bereit. Meine persönlichen Gedanken und Erkenntnisse folgen am Schluss. 

 
Wie schlagen wir mittels entsprechender Indikatorik bei der Entwicklung von Donut-Datenporträts die Brücke von dem, was (politisch) «machbar» und «realistisch» erscheint, zu dem, was wünschenswert und erforderlich ist, um unsere Stadt in den sicheren und gerechten Raum des Donuts zu bringen?

Diese Frage stand im Zentrum des Webinars, das im Rahmen der diesjährigen «Global Doughnut Days» gemeinsam von der Doughnut Coalition Hamburg und dem Swiss Donut Economics Network organsiert und moderiert wurde. Über 120 Teilnehmende aus mehr als 20 Ländern hatten sich dazu angemeldet.

Warum ein Webinar zur Donut-Indikatorik?

«What gets measured, gets managed», heisst es häufig. Auch in Politik und Verwaltung ist das Bedürfnis nach klaren Messgrössen und Daten gross, um Ziele setzen und Fortschritte (oder auch Defizite) beurteilen und erklären zu können. Während innerhalb der Verwaltung besonders der verantwortungsvolle Einsatz von Steuergeldern gewährleistet und ausgewiesen werden muss, geht es bei Politiker:innen gleichzeitig auch um ihre persönliche oder parteibezogene Erfolgsbilanz, teilweise auch mit Blick auf ihre (Wieder-) Wahl. Politische Interessen beeinflussen, welche Ziele, Massnahmen und Prioritäten definiert werden.

Der « Doughnut for Cities & Regions »-Guide von DEAL orientiert sich am wissenschaftlich fundierten Zielbild der Donut-Theorie und schlägt Verantwortlichen in Politik und Verwaltung eine praxiserprobte Methodik mit kostenlos und frei zugänglichen Werkzeugen und Praxisbeispielen vor, um ihren Ort – auch über die aktuelle Legislaturperiode hinaus - in den « sicheren und gerechten Raum » des Donuts zu bringen. Im Zentrum steht dabei die Definition relevanter sozialer und ökologischer Dimensionen und Indikatoren.

Bisher sind über 50 Städte und Gemeinden bekannt, die mit diesen Instrumenten einen Daten-Donut für ihren Ort erstellt haben. Besonders hilfreich ist dabei die kürzlich veröffentlichte Indicator Library von DEAL.

Drei Expert:innen – drei verschiedene Ansätze

Am Webinar gaben drei ausgewiesene Expert:innen Auskunft zu ihrem spezifischen Ansatz und zu ihren Erfahrungen.



Oliver Peters stellte das Datenporträt von Rhein-Kreis-Neuss mit seiner spezifisch quantitativ orientierten Indikatorik vor, die er mitentwickelt hat. Er hielt fest, dass Indikatoren auf der Outcome- und Impakt-Ebene im Vergleich zu Indikatoren auf der vorgelagerten Input- und Output-Ebene weitaus schwieriger zu definieren sind. Dazu kommt die häufig unzureichende Verfügbarkeit lokaler Daten, sowie die Unzuverlässigkeit von Proxydaten, die etwa von Daten aus vergleichbaren Städten oder von Daten auf Staatsebene abgeleitet werden. Nicht zuletzt aufgrund der beschränkten Datenlage plädiert Oliver für Kompromisse bei der Definition von Dimensionen und Indikatoren. Ausserdem müssten sie auch je nach Zielgruppe verständlich und relevant sein. Im Datenporträt von Rhein-Kreis-Neuss wurden daher im Vergleich zum Original-Donut Anpassungen vorgenommen; so wurde etwa “Climate Adaptation” zum äusseren Rand der Planetaren Grenzen hinzugefügt, und “Sustainable Administration” und “Global Responsibility & One World” zum inneren Kreis der sozialen Grundbedürfnisse.

Camille Gilloots hat das Datenporträt der Region Genf mitentwickelt und berät und begleitet verschiedene Westschweizer Städte und Gemeinden beim Erstellen von Donut-Porträts. Das von ihr und ihren Forschungskolleg:innen entwickelte «Indikatoren-Dreieck» wurde innerhalb der DEAL «Indicator Library» zur Einteilung von Indikatoren übernommen. Unterschieden werden drei Kategorien: erstens Indikatoren auf quasi höchster Ebene, die dazu beitragen, den gemäss Donut erforderlichen Zustand herbeizuführen («Status» Indicators). Zweitens Indikatoren, die auf Policy-Ebene von Politik und Verwaltung als «Response» verwendet werden, sowie – drittens - solche, die «Activities» auf der Ebene von Verhalten, Produktion und Konsum beschreiben.  Die drei verschiedenen Kategorien beeinflussen sich dabei gegenseitig.  

Camille ist der Meinung, dass nur ein ambitionierter Ansatz zielführend ist, um eine tiefgreifende Transformation im Sinne des Donuts zu bewirken. Sie rät daher, das Datenporträt an der höchsten, Donut-kompatiblen Ebene zu orientieren, d.h. ohne die im Original-Donut vorgegebenen Dimensionen und Indikatoren zu verändern. Sollten entsprechende Daten nicht unmittelbar zur Hand sein, können die entsprechenden Werte auch zu einem späteren Zeitpunkt noch eingefügt werden. 

Indikatoren auf «Policy»- und auf «Activity»-Ebene sind aus Camille’s Sicht ebenfalls wichtig. Sie sollen jedoch nicht im Donut-Datenporträt, sondern separat, in nachgelagerten Instrumenten verwendet werden.

Maté Fischer hat bei der Entwicklung des Budapest Degrowth Doughnuts mitgewirkt. Sein Ansatz strebt ebenfalls eine möglichst weitreichende Transformation an. Das ist nach Ansicht der Budapester Donut-Expert:innen jedoch einzig durch eine explizite Degrowth-Orientierung zu erreichen. Deshalb setzt das Datenporträt von Budapest das Augenmerk auf Degrowth. Der Original-Donut wurde dazu entsprechend angepasst; einzelne Dimensionen und Indikatoren vom Original-Donut ersetzt. Auch Indikatoren, die Camille auf Policy- und Activity-Ebene verortet, sind Teil des Budapest Degrowth Donut. Am augenfälligsten ist der Zusatz eines dritten Segments – neben den planetaren Grenzen und den sozialen Grundbedürfnissen - mit der Bezeichnung «Kulturelles». Es beinhaltet Dimensionen bzw. Indikatoren wie «Voluntary Work», «Petition Signers», oder «Climate Change Ignorance», die sich auf die Denkweise und die Haltung («Mindset») der Bevölkerung beziehen.


Denkanstösse zum Vertiefen

Auf der Basis der Präsentationen haben sich einige Punkte herauskristallisiert, die gleichzeitig von mehreren Speaker:innen hervorgehoben wurden. Zum Beispiel

  • die begrenzte Verfügbarkeit relevanter Daten auf lokaler Ebene

  • die mangelhafte Mitwirkung der Zivilgesellschaft bei der Definition ihrer Grundbedürfnisse

  • die Relevanz und Berücksichtigung von Suffizienz im Datenporträt.


Zu diesen Herausforderungen werden wir in zukünftigen Veranstaltungen austauschen
.



Der wohl grösste Nutzen von Datenporträts

Das Thema «Indikatorik» erscheint mir anspruchsvoll. Dank den wertvollen Inputs der drei erfahrenen Expert:innen kann ich die theoretischen Grundlagen besser verstehen und einordnen. Gleichzeitig gibt es ein Gefühl in meinem Bauch, das durch den einen oder anderen Hinweis der Speaker:innen noch verstärkt wurde: Vielleicht liegt der grösste Nutzen der Datenporträts ja gar nicht so sehr in der Definition möglichst präziser, messbarer oder vergleichbarer Indikatoren und Daten? Vielleicht ergibt sich die grösste Wirkung vielmehr durch den Prozess und die Auseinandersetzung mit den grundsätzlicheren Frage, die dahinter stehen:

  • Was sind die tatsächlichen Grund- und (Über-)Lebensbedürfnisse der lokalen Bevölkerung?

  • Wie sind diese vor dem Hintergrund der planetaren Grenzen zu berücksichtigen und zu berechnen? Sollen in meiner Gemeinde beispielsweise 40 oder 80 Quadratmeter als nötige Wohnfläche pro Kopf gelten?

  • Wer legt diese Werte fest?

  • Welche Auswirkung hätten diese unterschiedlichen Referenz- oder Zielwerte auf andere soziale Indikatoren wie etwa den sozialen Zusammenhalt, und auf den ökologischen Fussabdruck, z.B. via erforderliches Baumaterial und Heizaufwand?

Der grösste Gewinn beim Erstellen eines Donut-Datenporträts wäre demnach die Sensibilisierung für Zusammenhänge und die Diskussion der Frage, welche Prioritäten im Sinne des Donuts zu setzen sind. Im Austausch ergeben sich neue Blickwinkel und Erkenntnisse. Sie können die Bereitschaft dafür erweitern, die Türen für die notwendige, tiefgreifende Transformation weiter zu öffnen.

Die Speaker:innen am Webinar haben bestätigt, dass sie bei ihrer Begleitung und Entwicklung von Donut-Datenporträts mit Politiker:innen und städtischen Verwaltungen genau diese Beobachtung gemacht haben. Das ermutigt und verleiht Antrieb!

-> Link zur Aufzeichnung total 1 Stunde 30 Minuten (Englisch/Deutsch)

Fotos: Screenshots vom Webinar und zVg