Interview mit Annina
Aeberli, Campaignerin und Fachexpertin für gesellschaftlichen Wandel bei
Greenpeace Schweiz. Annina ist verantwortlich für ein Pilotprojekt, das
deutschschweizer Gemeinden dabei unterstützt, die Donut-Ökonomie einzuführen.
Hallo Annina, wie
bist du zum Donut gekommen?
Ich bin
Umweltschützerin mit sozialem Herzen. Für mich gehören das Soziale und das
Ökologische zusammen. Über Jahre habe ich mit Indigenen auf Borneo an
partizipativen Regenwald-Kampagnen und -Projekten gearbeitet. Auch
wissenschaftlich habe ich mich mit der Dynamik von Mensch-Umweltbeziehungen
auseinandergesetzt. Da liegt die Donut-Ökonomie nahe!
Anfang 2025 habe
ich ein Stelleninserat von Greenpeace gelesen, das mich angesprochen hat, weil
es anders daher kam. Es hat sich nach einer frischen, experimentellen
Kampagnenidee angehört Dass es in erster Linie um die Donut-Ökonomie ging,
erfuhr ich erst im Vorstellungsgespräch. Ich hab den Job bekommen und leite
heute das "Happiness-Gemeinde"-Projekt, bei dem wir mit der
Donut-Ökonomie arbeiten.
Was überzeugt dich am Donut und wo siehst du Herausforderungen?
Der Donut kombiniert die menschlichen Grundbedürfnisse und die planetaren Grenzen. Ich denke, die sozialen Aspekte wurden im klassischen Naturschutz lange vernachlässigt. Die Donut-Ökonomie vereint, was zusammengehört. Sie überwindet Silos, fördert das holistische Denken, ist datenbasiert und politisch neutral.
Mir gefällt besonders, wie einfach sich das Prinzip des Donuts erklären lässt: Der innere Rand steht für das «gesellschaftliche Fundament» mit Grundbedürfnissen wie politischer Teilhabe, Gesundheit und Bildung. Der äussere Rand steht für die planetaren Belastungsgrenzen wie Klimawandel und Verlust der Artenvielfalt. Das ist die «ökologische Decke». Die Donut-Ökonomie leuchtet intuitiv ein und ist visuell stark. Ich finde es toll, dass der Donut sich in vielen Bereichen anwenden lässt, etwa in Gemeinden und Firmen.
Während der Donut
kommunikativ stark ist, ist die Anwendung mit viel Arbeit verbunden. Das hat in
erster Linie damit zu tun, dass die Welt komplex ist, ohne einfache
Lösungsrezepte. Die Donut-Ökonomie wird der Komplexität gerecht, erfordert aber
auch breites Wissen, Zusammenarbeit, Umdenken und Wille zum Ausprobieren.
Daraus ergeben sich anspruchsvolle Aufgaben für die konkrete Umsetzung.
Worum geht es beim Gemeindeprojekt von Greenpeace?
Wir sind aktuell auf
der Suche nach einer oder zwei Gemeinden, die bereit sind, mit uns anhand der
Donut-Ökonomie anstehende Herausforderungen anzugehen. Basis ist eine Analyse
der heutigen Situation anhand der Dimensionen des Donuts. Daraus werden dringende
Handlungsfelder abgeleitet. Unter starkem Einbezug der Bevölkerung werden dann
soziale und ökologische Ziele und Massnahmen erarbeitet und politisch
verankert.
Wir möchten einen konkreten Beitrag leisten, um dem Wandel ein
Gesicht zu geben. Wir wollen zeigen: Eine glückliche Zukunft ist möglich!
Deshalb läuft unsere Kampagne auch unter dem Motto “Achtung, Happiness-Effekt!
– Mach deine Lieblingsgemeinde zur glücklichsten der Schweiz!”.
Wie ist der aktuelle Stand ?
Im Moment können alle
ihre Lieblingsgemeinde nominieren. Das Nominierungsziel orientiert sich jeweils
an der Grösse der Gemeinde. Lichtensteig, Langnau im Emmental und Wald wurden
bereits von verhältnismässig vielen Personen vorgeschlagen. Ungefähr zehn
weitere Gemeinden haben ebenfalls eine stattliche Anzahl Nominierungen. Wir
sind begeistert von den Dynamiken, die unser Projekt in Gemeinden auslöst.
Langnau im Emmental schnellte innert weniger Tage von 0 auf die erforderlichen
77 Nominierungen. Jetzt stehen wir bei mehr als doppelt so vielen. Es ist wie
ein Krimi! Wir sind gespannt, welche Gemeinde als nächstes die Zielgerade
erreicht. Da steckt viel Arbeit von Menschen dahinter, die etwas in ihrer
Gemeinde bewegen wollen.
Was sind die nächsten Schritte?
Die Nominierungsphase
läuft noch bis Ende Februar. Parallel dazu treten wir mit den ausgewählten Gemeinden in Kontakt und klären das Interesse ab. Unser
Plan ist, ab Sommer mit der Datenerhebung und -analyse für das klassische
Daten- und das Gemeinschaftsportrait zu beginnen. Im Idealfall kann Ende Jahr ein bis dahin definierter
Donut-Rat die Arbeit an den konkreten Zielen und Massnahmen in der Gemeinde
aufnehmen. Alles hängt jedoch von der Planung der Gemeinden ab; wir sind
flexibel und passen uns an.
Worauf freust du dich ganz besonders, und wovor ist dir auch etwas bange?
Ich bin sehr gespannt
auf den Donut-Rat. Er wird in erster Linie aus Einwohnenden der Gemeinde
ausgelost, aber auch Politik und Verwaltung sollen repräsentiert sein. Hier
soll die vertiefte Auseinandersetzung, die Transformation stattfinden. Ich bin
neugierig, was dabei herauskommt und was für eine Dynamik sich entfalten wird.
Ich glaube an die Kraft des gemeinsamen Denkens und Handelns. Wir können die
anstehenden Krisen und Herausforderungen nur gemeinsam lösen! Das grösste
Risiko ist, dass wir an der Realpolitik scheitern.
Spielt der Donut auch in deinem privaten Leben eine Rolle?
Die Geburt meiner
Tochter motiviert mich zusätzlich. Ich möchte ihr keine zerstörte, ungerechte
Welt hinterlassen. Ich scheitere jedoch manchmal an den Widersprüchen des
Alltags: Mein Partner und ich setzen bei unserer Tochter oft auf Secondhand.
Wenn der Occasions-Kinderwagen nach kurzer Zeit den Geist aufgibt, braucht es
trotzdem einen zweiten. Das ist unter dem Strich teurer und mit viel Aufwand
verbunden. Und schon sind wir beim Thema Erschöpfung, das viele Mütter
betrifft. Ich finde es deshalb sehr wichtig, dass wir nicht im persönlichen
Fehlverhalten steckenbleiben und resignieren, sondern uns die Strukturen
anschauen. Es braucht systemische Veränderungen. Und die Donut-Ökonomie macht
solche Widersprüche wie zwischen Ressourcenverbrauch und Gleichstellung
sichtbar und legt damit die Basis, das Problem ganzheitlich anzugehen.
Was erscheint dir wichtig, damit wir im Alltag in den Donut finden können?
In den vergangenen
Jahren habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, was ich für ein gutes Leben
brauche. Je älter ich werde, desto einfacher fällt es mir, mich in den Donut zu
bewegen. Ich merke – mit den anhaltenden Krisen und den autoritären Tendenzen
-, wie wichtig es ist, dass wir uns an den kleinen Dingen erfreuen. Mein Glück,
meine Zufriedenheit hängt eigentlich von kleinen Dingen ab: Tanzen gehen macht
mich glücklich, Spazieren entspannt mich und Yoga macht mich stark und gesund.
Deshalb auch mein Fokus auf die Gemeindeebene: Mir ist es wichtig, das
konkrete, lokale Umfeld mitzugestalten. Hier können wir auch einen Einfluss
haben, wenn uns das Grosse gerade total entgleitet. Wenn die Leute Zugang zu
Gesundheitsversorgung haben, von schönen Wäldern umgeben sind und alles gleich
um die Ecke erreichbar ist, dann steigt unser Zufriedenheitslevel und wir sind
weniger gestresst. Ich denke, es hilft, mehr im Jetzt und im Lokalen zu leben.
Vielen Dank, Annina, für deine Antworten und Gedanken.
Foto: Screenshot Website Greenpeace Schweiz